Shaolin Kempo

Karate, Taekwondo, Aikido, Judo …..Das sind nur die bekannten Vertreter asiatischen Kampfsports. Den bekannten und weniger bekannten ist eins gemein: Sie üben allesamt eine starke Faszination aus. Ein kleiner Prozentsatz von Menschen ist dermaßen begeistert, dass sie sich entschließen eine Form von Kampfsport, bzw. Kampfkunst zu betreiben.
Was erklärt diese Faszination? Was bedeutet Kampfkunst? Sind es spektakuläre Vorführungen von „Shaolin-Mönchen“ oder vielleicht die Flut von so genannten Eastern – Kung-Fu-Filmen mit einer großen Bandbreite in der Qualität.
Die Frage was an asiatischen Kampfkünsten so außerordentlich ist, ist selbst für diejenigen, die sie betreiben mitunter schwer zu beantworten.
Um das Außerordentliche der Kampfkunst zu begreifen ist es wichtig die Ursprünge zu kennen.

Der vorliegende Text ist ein Versuch die Historie des Shaolin Kempo darzustellen.

(Entnommen aus Kempo - die Kunst des Kampfes von Dolin u. a.)

Die Ursprünge des Shaolin Kempo

Im folgendem werde ich Kempo als Überbegriff für Kampfkunstverfahren mit und ohne Waffen verwenden.
Die Ursprünge des Shaolin Kempo liegen logischerweise in der gewaltsamen Auseinandersetzung, sprich dem Kampf begründet.
Wahrscheinlich wurden schon in prähistorischer Zeit um den Besitz von Jagd- und Weideland bewaffnete Konflikte ausgetragen.

Die Siegchancen in solchen Kämpfen stiegen einerseits durch überlegene Bewaffnung, andererseits durch Anwendung effizienter Kampftechniken.
Auch wenn aus dieser Zeit kaum Zeugnisse erhalten, kann man annehmen, dass sich in Indien schon sehr früh besondere Kampfverfahren entwickelten.
Hinweise hierfür sind in den altindischen Epen „Mahabharata“ und „Ramayana“ zu finden. Die Protagonisten dieser Epen gebrauchen Kampftechniken, welche für Shaolin Kempo charakteristisch sind. Auch Statuen und Reliefs in indischen Tempeln zeigen Götter und Heilige in Shaolin Kempo-typischen Haltungen.
Im 1.Jh. v.Chr. entstand in Indien ein Kampfsystem, welches als Kalari-Payat bekannt ist.
Es darf angenommen werden, dass dies der Ursprung des Kempo ist, da es Übereinkünfte mit Kampfstilen in China, Korea und Indonesien hat.
Auch in Griechenland gab zeitgleich waffenlose Kampftechniken: Ringen, Faustkampf und eine Kombination aus beiden, der Pankration, welche aber hauptsächlich sportlichen Charakter trugen. Nichtsdestotrotz kamen sie durchaus auch im militärischen Sinn zum Einsatz, vornehmlich in der Ausbildung, aber mitunter auch in Schlachten. Als Beispiel ist die Schlacht bei den Thermopylen, 480 v.Chr. zu nennen. Es ist wahrscheinlich das auch diese Techniken im Kempo Eingang gefunden haben. In Indien fand im Laufe der Zeit die Yoga-Lehre Eingang in das Kalari-Payat und es entstand eine Lehre, welche als „Weg des Kriegers“ durch Priestermissionare in Asien verbreitet wurde. Yoga ist der Weg zur Selbsterkenntnis und Selbstrealisierung (vgl.Dölin: Kempo, S.26) und der Grundstein für die Lehren des Hinduismus und Buddhismus.

Die Entwicklung des Shaolin Kempo in China
In China wurden die Entstehung der Kampfkünste durch die Philosophie des Daoismus beeinflusst. Diese Lehre basiert auf dem Prinzip von Ying und Yang, den sich gegenseitig bekämpfenden und zusammenwirkenden Kräften von Licht und Finsternis (vgl.Dölin: Kempo, S. 40). Ihr Ziel ist das Erreichen der „Harmonie von Körper und Seele“, nicht notwendigerweise das Bezwingen des Gegners. Viel wichtiger ist das Überwinden des Selbst, der eigenen Schwächen und Mängel, durch Steuerung und Beherrschung der „Lebensenergie“, des Chi oder Qui (sprich Ki). Nach daoistischer Lehre kann das Schwache das Starke durch Nachgeben überwinden. Die Daoisten begannen Tiere zu beobachten und ihre Bewegungen für die Entwicklung von Tierstilen zu benutzen.
Während der Han-Dynastie schuf der bekannte Arzt Hua To (190-265 n. Chr.) einen Stil der auf den defensiven und offensiven Bewegungen von fünf Tieren basiert:

(Entnommen aus Kempo - die Kunst des Kampfes von Dolin u. a.)

Außerdem entwickelte er Atemübungen zum Erlernen der Chi-Kontrolle. Von nun an sind die Bewegungen von Tieren Anregung für die Entwicklung der Kampfkünste. Die Kampfkunst der Daoisten wurde vor allem im Geheimen von Einsiedlern und Mönchen betrieben, fand aber auch Eingang in die Ausbildung von Soldaten. Die früheste Erwähnung von Kempo-Verfahren stammt ungefähr aus dem Jahr 2600 v. Chr. In der Schlacht bei Tulaka gebraucht der legendäre Gelbe Kaiser Huagandi die Kunst des Juedi-Kampfes um einen rebellischen Fürsten zu besiegen. Hieraus entstand später eine Form des Ringkampfes, der sich zum Faustkampf entwickelte und im Laufe der Zeit als kriegerische Variante beim Militär Einzug hielt.

Innere und äußere Stile des Shaolin Kempo
In der Mitte des ersten Jahrhunderts kam es zu einer deutlichen Trennung des Shaolin Kempo in eine daostische und eine buddhistische Ausrichtung .
Die daoistische Richtung brachte die inneren Stile hervor, die auch als weiche oder sanfte Stile bezeichnet werden (s.o.).
Die buddhistische Ausrichtung legt die Schwerpunkte auf die physische Kräftigung des Körpers, so wie die Entwicklung der explosiven Kraft und der Ausdauer.
Hieraus entstanden die äußeren Stile. Der Name Bodhidharma ist untrennbar mit der Entwicklung der buddhistischen Stile verbunden.
Bodhidharma (Daruma) war Sohn eines indischen Adligen aus der Kaste der Brahmanen. Hieraus resultiert wohl sein theologisches Interesse.
Allerdings studierte ebenfalls die Kampfkünste und verbrachte viel Zeit mit Körperertüchtigung. Er trat in die Sekte der Yogacara, welche die Lehre des Dhyana (chin. Chan, jap. Zen) verbreitete. Diese Lehre beruht auf der vertieften Selbstbetrachtung. Da Bodhidharma nicht Asket werden wollte, wurde er Missionar und ging im Jahr 520 mit einer kleinen Gruppe von Anhängern nach China. Die buddhistische Lehre bestand zu diesem Zeitpunkt seit 400 Jahren in China. Zwar bestand eine Konkurrenz zu bestehende Lehren, aber im Grunde ging es den 30.000 Tempeln recht gut. Bodhidharma brauchte also keine Missionierung durchführen. Stattdessen zog er sich in das kleine Kloster Shaolin in der Provinz Henan zurück. Hier entwickelte er eine neue Lehre, welche sich bis heute erhalten hat: der Zen (Chan)-Buddhismus. Diese Ausrichtung des Buddhismus ruft zur Festigung von Körper und Geist auf. Daher wurde die Vorschriften des mönchischen Lebens in ein intensives psychologisches und körperliches Training umgewandelt. Die Ideen hierzu stammten vor allem aus dem indischen Yoga, Bodhidharma wurde aber auch von daoistischen Asketen beeinflusst.

Shaolin - das legendäre Kloster
Wie bereits beschrieben sorgte Bodhidharma für eine Kampfkunstausbildung der Mönche im Kloster Shaolin. Er erfand allerdings keine neue Technik, sondern brachte bestehende Verfahren mit der Chan-Philosophie in Einklang, indem er 18 körperliche und geistige Übungen entwickelte. Nach diesem außerordentlichem Training wurden die Shaolin-Mönche mit der Zeit beinah unschlagbar waren sie vorher beliebtes Opfer für Straßenräuber, legten diese sich bald lieber mit Militäreinheiten an, als mit den harmlos erscheinenden Mönchen. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts kam es allmählich zu einer Spaltung des Chan-Buddhismus in eine nördliche und eine südliche Richtung. In der südlichen Richtung büßte die Meditation und das Erlernen des Kempo allmählich an Bedeutung ein, im Norden blieb das außerordentlich harte Training erhalten.

Währen der Tang-Epoche hatte sich der Chan-Buddhismus im ganz China verbreitet, wodurch die Klöster regen Zulauf hatten. Ihre absolute Berühmtheit erhielten die Mönche als sie den als unschlagbar geltenden Widersacher des ersten Kaisers der Dynastie besiegten. Allerdings wurde während des Bauernkrieges (874-901) neben anderen buddhistischen Zentren auch Shaolin von der Regierung zerstört, da sie inzwischen Angst vor dem Ruf der Mönche hatte. Hierdurch mussten die Mönche untertauchen, wodurch das Kempo breite Verbreitung im Volk fand. Der erste Kaiser der Ming-Dynastie (1368) rehabilitierte die Mönche und vertrieb mit ihrer Hilfe die Mongolen in die nördliche Steppe. Die Ming-Epoche brachte ein Erblühen von klösterlichen und weltlichen Kempo-Schulen, deren Zentrum Shaolin in Henan war. In dieser Zeit wurden die Kampfkünste im Kloster endgültig perfektioniert. Die Mönche verbrachten ihre Zeit abgeschieden von der Außenwelt mit stundenlanger Meditation, philosophischen Disputen und außerordentlich hartem Kempo-Training.
Die Übungen zielten darauf ab den Körper in einer heute nicht mehr nachvollziehbaren Weise zu kräftigen und abzuhärten. Beispielsweise wurde die Schlagkraft trainiert indem man mit Sandsacktraining begann und stufenweise bis zu Metallplatten ging. Natürlich wurde auch der waffenlose Nahkampf ausgiebig trainiert und danach sogar der Kampf mit verschieden Waffen. Man nahm an, dass jemand sich waffenlos erfolgreicher gegen Bewaffnete zur Wehr setzen kann, wenn er selbst eine Waffe beherrscht.

Diese Ausbildung dauerte in der Regel 12-15 Jahre. Um danach den Titel Shifu (Meister) zu erlangen musste der Anwärter ein sehr hartes „Abschlussexamen“ ablegen. Das begann mit strengen mündlichen Prüfungen und setzte sich mit Proben auf Kraft und Schnelligkeit fort. So musste der Anwärter u. a. bis zu 200 kg schwere Gewichte stemmen, gegen bis zu zehn erfahrene Gegner bestehen und in absoluter Finsternis Wurfgeschossen ausweichen. Die bekannteste Prüfung, die es jedoch nur in Shaolin selbst gab, war der so genannte „Korridor des Todes“. Er bestand aus 108 menschenähnlichen bewaffneten Puppen, die nach einem vom Prüfling nicht vorhersehbaren Muster angreifen konnten. Es konnten bis zu fünf Puppen gleichzeitig in Aktion treten.
Er musste die Angriffe waffenlos abwehren oder ausweichen. Allerdings wurden beim Ausweichen über Bodenplatten bis zu drei weitere Puppen in Aktion gesetzt. Um diesen Korridor nach dem Überwinden der Puppen zu verlassen musste eine Urne, welche mit glühenden Kohlen gefüllt war mit den Unterarmen angehoben und versetzt werden. Hierbei brannte sich das Zeichen von Tiger und Drache in die Unterarme ein. Diese Brandmale trugen nur Meister von Shaolin, welche überall mit Hochachtung und Respekt behandelt wurden. Das Ende der Ming-Dynastie ist geprägt von Aufständen und Unruhen, welche u. a. mit Hilfe der Mönche leidlich unter Kontrolle gehalten wurden. Im Jahr 1644 eroberten die Manzhu China und gründeten die Qing-Dynastie. Gegen die neuen Herrscher gab es im Norden immer wieder Aufstände, im Süden gar offenen Krieg.

Den Shaolin-Mönchen gelang lange Zeit die Aufständischen durch Ausbildung oder gar aktiven Kampf zu unterstützen, ohne hierbei aufzufallen.
Im Jahr 1672 hatte der Qing-Kaiser die Lage im Süden unter Kontrolle. Im Norden des Landes gab es zu dieser Zeit viele Banditen und Marodeure, die von der Militär-Konzentration im Süden profitierten. Bei der Beseitigung dieser Bedrohung halfen die Shaolin-Mönche. Binnen dreieinhalb Monaten säuberten sie die umliegenden Gebiete. Danach lehnten sie jedwede Belohnung ab und kehrten zum Klosterleben zurück. Insgeheim blieb das Kloster aber das Hauptquartier des Widerstandes gegen die Manzhu. Diese Verbindung flog im Jahr 1722 auf und sorgte ein Jahr später für die Zerstörung von Shaolin. Die Verteidigung Klosters des gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Regierungstruppen kostete 128 Mönchen das Leben, nur fünf Meister entkamen dem Blutbad.

Sturm auf Shaolin
(Entnommen aus Kempo - die Kunst des Kampfes von Dolin u. a.)
Bald nach der Zerstörung des Klosters, wurde es wieder aufgebaut und die Kempo-Traditionen wurden innerhalb der Klostermauern bewahrt. Am Widerstand gegen die Manzhu nahmen die Mönche nicht mehr teil. Allerdings erlebten Widerstandsbewegungen, so genannte Geheimgesellschaften, die verborgen operierten eine Blüte. Aus diesen Gesellschaften entwickelten sich die Triaden, welche heute das organisierte Verbrechen verkörpern.
Ursprünglich waren es aber Kampfgruppen in denen das auch das Kempo trainiert und bewahrt wurde. Allerdings erfuhr es in den verschieden Logen der Geheimgesellschaften zuweilen bizarre Änderungen und Umdeutungen, welche mehr auf Aberglauben und esoterischen Ideen beruhten. Die bizarrsten Richtungen propagierten, dass durch ihr Training der menschliche Körper in die Lage versetzt wird Kugeln aus Feuerwaffen zu widerstehen.

Der Aufstand der Boxer
Der Taiping-Aufstand (1850-1864) wurde von den Manzhu mit Hilfe britischer Hilfe niedergeschlagen. Hierdurch kam es zu einer Zunahme ausländischer Truppen in China. De facto war der Kaiserhof eine Marionette der verschieden Kolonialmächten . Der Kampf der Geheimgesellschaften wurde hierdurch zu einem Kampf gegen die ausländischen Mächte, wodurch die Triaden ihren nationalistischen und ausländerfeindlichen Charakter bekamen. Die Situation eskalierte gegen 1898, es kam zum „Boxeraufstand“, der anfangs sogar Erfolge gegen die mit Feuerwaffen ausgestatteten Kolonialtruppen erzielte. Angriffsziel waren allerdings Kirchen, Missionare und chinesische Christen. Im Frühjahr 1900 rückten die Aufständischen bis Peking vor, am 20 Juli töteten sie den deutschen Diplomaten von Ketteler und beginnen mit der Belagerung des Botschaftsviertels., welche am 14. August von internationalen Truppen beendet wird. Bis zum September ist der Aufstand zusammengeschossen und China muss ruinöse Reparationen leisten.
Hiermit endete die Bedeutung des Kempo als Mittel des Krieges.

Von damals bis heute –
Verbreitung des Kempo über Asien hinaus
Die Ming Dynastie (1368 - !644) brachte einen regen Kulturaustausch im gesamten asiatischen Raum. Das chinesische Kempo verbreitete sich hierdurch ebenfalls und erfuhr durch Vermischung mit lokalen Kampfkünsten in jedem Land eine eigene Ausprägung. Besonders erwähnenswert ist hierbei die Richtung die Kempo in Okinawa nahm. Im Jahr 1429 wurde Okinawa unter einem König geeinigt. Um Aufstände zu unterbinden, wurde nur königlichen Truppen und hohen Feudalherren das Tragen von Waffen gestattet. Da Korruption und Willkür unter den Beamten gang und gebe waren, sahen das Volk sich gezwungen waffenlos zu kämpfen oder Alltagsgegenstände zu Waffen umzufunktionieren. Das kam der Bevölkerung im 17. Jahrhundert zu gute, als Okinawa unter japanische Herrschaft geriet. Die Japaner gebärdeten sich als Besatzungsmacht und plünderten die Insel aus, die Bevölkerung töte die Steuereinnehmer und überfiel kleinere Samurai-Konvois. In den hochtrainierten Samurai hatten die Kempo-Meister von Okinawa die damalige militärische Elite zum Gegner. Dadurch kam es zu einem gnadenlosen Selektionsprozess: Ineffektive Kampftechniken oder esoterische Spielereien fielen dem Katana zum Opfer.

Meister des Okinawa-Te im Zweikampf mit einem Samurai
(Entnommen aus Kempo - die Kunst des Kampfes von Dolin u. a.)
Mitte des 18. Jahrhundert war der Befreiungskampf gegen die Japaner abgeflaut, eine friedliche Verschmelzung der Kulturen zeichnete sich ab
Das Kempo von Okinawa bildete die Grundlage des japanischen Karate, welches nach dem zweiten Weltkrieg von Japan in die USA exportiert wurde.
Von den USA gelangte Karate schließlich nach Europa und Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts nach Deutschland.
In China sorgt die Kulturrevolution für ein Verbot der Kampfkunst, die Meister emigrieren nach zumeist nach Hong Kong und Formosa. In den 1960èrn hob man das Verbot auf und ergriff Maßnahmen zur Förderung der Kampfkünste. Der Japaner Sensei Doshin So schuf nach dem Studium verschiedener chinesischer Stile das Shorinji Kempo, womit er das Shaolin-Kempo wieder beleben wollte.

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